von Ulrich W. Sahm
"Die nachhaltige Zerstörung auf der israelischen Seite ist weit
schlimmer als auf der libanesischen Seite. Israel leidet
wirtschaftlich viel stärker: Wo die Raketen einschlagen,
konzentriert sich Israels Wirtschaft, dort lebt die
Bevölkerungsmehrheit, dorthin kommen die Touristen."
Das Zitat klingt wie israelische Propaganda, doch es war
Hisbollah-Scheich Al Malli, der dies im Gespräche mit der
"Süddeutschen Zeitung" sagte.
In dem inzwischen fast menschenleeren Norden Israels leidet auch
die Natur. Über eine Million Bäume sind bei riesigen Waldbränden
vernichtet worden. Wildtiere sterben im Feuer. Niemand löscht die
Brände, weil auch die Feuerwehr die Katjuscharaketen aus Libanon
fürchtet. Sie löscht nur noch dort, wo die Brände Wohngebiete
gefährden.
Die meisten der rund 2.200 Raketen der Hisbollah sind schlecht
gezielt. Anstatt Wohnhäuser in den Städten Naharija, Haifa oder
Nazareth zu treffen, wo zwei muslimische Kinder ums Leben kamen,
explodieren die meisten Raketen im "offenen Gelände". Gemeint ist
die Landschaft mit natürlichen Wäldern oder Gestrüpp, das wegen
der Sommerhitze vertrocknet ist und leicht Feuer fängt. Wegen
neuer verschärfter Zensurbestimmungen darf nicht berichtet werden,
wo genau die Raketen aus Libanon treffen, selbst wenn sie nur ins
Meer stürzen und bestenfalls Fische gefährden.
Galiläa, einst grün wie die Toskana, ist schwarz und verbrannt.
"Brandgeruch liegt überall in der Luft", sagt ein Reporter nach
einer Tour durch den Norden. "Jetzt weiß ich, was mit 'verbrannter
Erde' gemeint ist", sagt er mit bewusstem Bezug auf deutsche
Geschichte.
Nicht nur in der Natur leiden die Tiere unter dem Krieg.
Verschreckt durch pausenlose Explosionen von Raketen, aber auch
durch israelische Artillerie beim Beschuss des Libanon, lassen
Rehe ihre Kitzen im Stich. "Meine Hühner legen nur noch unfertige,
mit Blut gefüllte Eier", klagt ein Bauer, nachdem eine Rakete in
seinem Kuhstall Tod und Verwüstung gesät hat.
Nachdem ein Viertel aller Familien aus dem Norden Israel
geflüchtet ist, sorgt sich Ahava (das Wort bedeutet Liebe, die
Abkürzung steht jedoch für "Tiere retten in Israel und im Nahen
Osten") um die zurückgelassenen Hunde und Katzen. Vor einigen
Tagen schon berichtete Ahava per E-Mail an die Presse, man habe
138 verwaiste Hunde und Katzen eingesammelt. Freiwillige Helfer
der tierfreundlichen Organisation hätten anderthalb Tonnen
Trockenfutter und hunderte Wassertöpfe in den Städten im Norden
Israels verteilt. "Ohne Hilfe des Menschen verdursten die Tiere in
der Sommerhitze des Nahen Ostens", hieß es in dem ersten Brief.
Die Organisation bittet selbstverständlich um Spenden, "denn sonst
sterben die Tiere, ehe der Krieg vorüber ist". Veterinäre aus
aller Welt sind aufgefordert, nach Israel zu kommen und die Tiere
zu pflegen.
Ahava erzählt über sich selbst, "Hunde, Katzen, Esel, Pferde und
Vögel in Israel und in den Palästinensergebieten" gerettet zu
haben. Jetzt bietet sie sich an, den Soldaten bei ihrer Offensive
im Südlibanon zu folgen, um "kranke und verwundete Tiere des
Libanon" aufzunehmen.
Zwei Tage später folgte eine weitere dramatische E-Mail. Ahava
habe Rufe von Libanesen erhalten, die fliehen wollten, aber ihre
Haustiere zurück lassen müssten. "Aber die Kontakte brachen ab".
Ahava wandte sich an "zahlreiche Botschaften". Doch die
diplomatischen Vertretungen "antworteten nicht", obgleich die
Organisation weiß, dass viele Libanesen sich wegen ihrer Lieblinge
auch an die Botschaften wenden.
Ahava macht allen Regierungen, die jetzt ihre Staatsangehörigen
per Schiff nach Zypern evakuieren, ein Angebot, um das brennende
humanitäre, oder besser formuliert: dieses animalische Problem zu
lösen. Die Flüchtlinge sollten die Genehmigung erhalten, ihre
Tiere mit auf die Schiffe zu nehmen, die sie von Tyros oder Beirut
nach Zypern bringen. In internationalen Gewässern wolle Ahava mit
eigenen Schiffen kommen und alle mitgenommenen Haustiere
übernehmen.
http://www.n-tv.de/692661.html