
Gibt es Grenzen der Toleranz?
von Renato Pichler
Einige Gedanken zum Thema Toleranz von Renato Pichler,
Präsident der SVV
(siehe
http://www.vegetarismus.ch/heft/2007-3/toleranz.htm)
Intolerante Menschen sind nicht beliebt. Kaum jemand behauptet von sich,
intolerant zu sein. Vegetarier erwarten, dass man ihre Ernährungsweise
überall toleriert und Fleischesser tun dasselbe für ihre
Ernährungsweise. Also müssten sich nur alle gegenseitig tolerieren und
alles wäre in bester Ordnung?
Absolut?
Bei den öffentlichen Forderungen nach mehr Toleranz wird meist
vergessen, dass kaum jemand für absolute Toleranz auf jedem Gebiet ist.
Morde und Vergewaltigungen werden in zivilisierten Staaten
glücklicherweise nicht toleriert. Dennoch wird jemand, der
Vergewaltigungen strikte ablehnt, nicht als intolerant bezeichnet. Es
gibt also Bereiche, in denen Intoleranz nicht als eine negative
Charaktereigenschaft angesehen wird, sondern allgemein sogar erwartet
wird.
Wann gilt ein Mensch also als intolerant und wann als konsequent seinen
Standpunkt vertretend? Wo ist die Grenze zwischen sturer «Intoleranz»
und konsequent seinen Standpunkt vertreten? Offenbar wird unter einem
toleranten Menschen nicht jemand verstanden, der für alles offen ist und
nichts ablehnt. Denn ein solch absolut toleranter Mensch wäre völlig
gleichgültig gegenüber allem, was um ihn herum geschieht. Bei den
Extrembeispielen Mord und Vergewaltigung sieht man gut, was in der
Gesellschaft nicht toleriert wird: eine Handlung, die andere Menschen
sehr verletzt oder gar tötet. Doch auch bei weniger krassen Beispielen
hört man immer öfter die Devise: «Null Toleranz». Zum Beispiel beim
Doping im Sport oder bei Alkohol am Steuer. Wobei man sich hier schon
nicht mehr ganz einig ist. Es scheint also auch einen Graubereich zu
geben, bei dem es nicht eindeutig ist, ob jemand intolerant ist, wenn er
ihn nicht zulässt.
Tolerante Fleischesser
Doch wie sieht es nun bei der Toleranz zwischen Fleischessern und
Vegetariern aus? Beginnen wir mit der einen Seite: Können Vegetarier von
Fleischessern erwarten, toleriert zu werden? Da Vegetarier mit ihrem
Verzicht auf den Konsum von Tierkörpern niemandem schaden, wäre es
eindeutig intolerant, wenn Fleischesser einen Vegetarier nicht
akzeptieren würden.
Tolerante Vegetarier
Der umgekehrte Fall ist jedoch nicht identisch: Wenn man von einem
Vegetarier verlangt, dass er den Konsum von toten Tieren tolerieren
soll, dann bedeutet dies, dass der Vegetarier einverstanden sein muss,
dass jemand zur blossen Befriedigung des eigenen Gaumens in Kauf nimmt,
dass ein leidensfähiges Lebewesen noch im jungen Alter getötet wird, um
seinen Körper zu verspeisen. Ausserdem soll man einverstanden sein, dass
jemand zum eigenen Lustgewinn auf die Zerstörung der Umwelt und den
Klimawandel keine Rücksicht nimmt. Durch die Verlängerung der
Nahrungskette werden zudem enorm viele Nahrungsmittel für die Lust eines
Einzelnen vernichtet. Wenn man bei diesen alle Lebensbereiche
umfassenden negativen Auswirkungen sagt, man solle doch tolerant sein,
dann ist man nicht bereit, sich mit den wahren Auswirkungen des
Fleischkonsums auseinanderzusetzen. Dies heisst jedoch nicht, dass man
Menschen, die zu ihrer LustbefriedigungTiere umbringen lassen, verachten
sollte (die meisten Vegetarier waren früher selbst Fleischesser). Man
kann eine Tat radikal ablehnen, ohne aber den Täter dafür zu
verurteilen. Sehr viele nicht tolerierbare Taten geschehen aus
Unwissenheit und noch mehr aus vermeintlichem Wissen, das mehr durch
Werbung und Propaganda geleitet wurde als durch echte, neutrale
Information. Oft werden die Folgen der eigenen Handlung auch verdrängt
(wie viele Fleischesser sehen sich Schlachthofszenen oder Tierfabriken
im TV an?).
Nur wenn man es schafft, die Tat zu verurteilen, ohne den Täter
anzugreifen, kann man hoffen, in Zukunft weitere ähnliche Handlungen des
Täters zu verhindern. Natürlich ist dies nicht einfach. Gerade als gut
informierter Vegetarier weiss man, wie immens die Auswirkungen des
regelmässigen Fleischkonsums auf die Umwelt, die Tiere und die Menschen
sind. Mit all diesem Wissen ist es schwer zu akzeptieren, dass es
Menschen gibt, die all diese Auswirkungen zusammengenommen weniger stark
gewichten als ihren kurzen Gaumenkitzel. Bei dieser Überlegung hilft es,
sich zu vergegenwärtigen, dass man selbst früher auch einmal Tiere
gegessen hat und dass man damals über viel weniger Wissen darüber
verfügte.
Viel wichtiger als die Verurteilung von anderen Personen ist deshalb,
sie auf die Auswirkungen ihres Handelns aufmerksam zu machen. Seien wir
also tolerant zu Personen, aber konsequent gegen schädliche Handlungen.
Renato Pichler
Animal Spirit - Zentrum für Tiere in Not
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