
06. 11. 2005 - Das Leiden der Martins- und Weihnachtsgänse
Das unsägliche Leiden der Martins- und Weihnachtsgänse
Sind die Körper einstmals lebendiger, kluger Tiere erst
einmal knusprig gebraten und üppig gefüllt, erinnert nichts mehr an die
entsetzlichen Qualen, die der Festschmaus zu Lebzeiten erdulden mußte.
Jedes Jahr werben ab November viele Restaurants und Gaststätten sowie
Supermärkte mit leckerem Gänsebraten, der hierzulande als traditionelles
Festmahl gilt. Kaum jemand weiß jedoch, wie das Geflügel zu seinem Namen
"Martinsgans" kam. Das Federvieh spielte einst eine wichtige Rolle im
Leben des Heiligen Martin, woher letztlich der Name rührt. Warum aber
werden die Tiere am Feiertag zu Ehren dieses Mannes in den Ofen
geschoben? Der Volksmund bringt es in einem Satz auf den Punkt: "Die
Gänse Sankt Martin haben verraten, drum tut man sie jetzt braten."
Demnach müssen heutige Gänse - überspitzt formuliert - für die Tat ihrer
Urahnen vor vielen hundert Jahren büßen und landen zu Ehren des durch
die Vögel "verratenen" Soldaten in der Bratröhre.
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Da sich der Mensch seit
jeher unter anderem von Geflügel ernährt, dient dieser Brauch ganz
platt formuliert dazu, an einem Festtag satt zu machen - und essen
muß der Mensch schließlich. Aber müssen das unbedingt zuvor gequälte
und ermordete Tiere sein? Da der Mensch aber ein vernunftbegabtes
Wesen ist, sollte er sich hin und wieder etwas genauer überlegen,
was er eigentlich ißt. Insbesondere im Fall der Gänse sollte man
unbedingt wissen, woher der Braten stammt, denn die Haltungs- und
Lebensbedingungen der für den Martinstag und für Weihnachten
gemästeten Gänse sind grauenhaft und zeugen von ungemeiner
Brutalität infolge übersteigerter Profitgier.
Wirtschaftliche Interessen
stehen bei der Haltung von "Nutzgeflügel" aller Art im Vordergrund.
Traurige Resultate dieser Preispolitik sind neben Seuchen wie der
Geflügelpest unter anderem Massentierhaltung und Turbomast, die mit
einer artgerechten Behandlung der Vögel rein gar nichts zu tun
haben. Bei der Gänsemast in Österreich, Deutschland sowie in einigen
weiteren EU-Ländern müssen die Tiere unvorstellbares Leid erdulden,
bevor sie die Erlösung von ihren Qualen in Form der Schlachtung
ereilt.
Damit die Gänse in
möglichst kurzer Zeit viel Gewicht zulegen, pfercht man sie in
großer Zahl auf engstem Raume zusammen. Der Besatz pro Stall ist bei
weitem zu hoch, um den Tieren die Möglichkeit zu bieten, sich auch
nur ansatzweise arttypisch verhalten zu können. Harter Betonboden
und Kunstlicht sind nur zwei Beispiele der unnatürlichen
Umweltbedingungen, unter denen die Vögel vor sich hin vegetieren
müssen. Die Enge, das künstliche Licht sowie weitere Streßfaktoren
wirken sich in massiver Weise negativ auf die Gesundheit der
Mastgänse aus. |
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Durch extreme Zuchtselektion erschuf der Mensch
Gänserassen, die binnen kürzester Zeit ihr "Schlachtgewicht" erreichen.
Bedauerlicherweise ist dies für die Vögel untrennbar mit schmerzhaften
Nebenwirkungen wie Gelenkentzündungen, Atemnot oder Knochenbrüchen
verbunden. So wird die Mastdauer, die bei Freilandgänsen mindestens 20
Wochen beträgt, im Falle der Stallgänse auf etwa die Hälfte reduziert.
Da Zeit in unserer Gesellschaft Geld ist, lassen sich diese Fleischberge
besonders günstig produzieren.
Der Großteil der Martins- und Weihnachtsgänse liefert
außerdem quasi ganz nebenbei die bei Gourmets begehrte Stopfleber. Die
Produktion dieser zweifelhaften Delikatesse stellt für die Gänse ein
Martyrium dar, das als verabscheuenswürdige Folter bezeichnet würde,
träfe die Behandlung einen Menschen. Mehrmals täglich führt man den
Tieren ein etwa 50 Zentimeter langes Metallrohr durch den Hals ein, das
bis in den Magen reicht. Durch dieses Rohr verabreicht man ihnen während
der Zwangsfütterungen täglich bis zu 2,5 Kilogramm gequollenen, stark
gesalzenen Maisbrei. Auf den Menschen umgerechnet bedeutet dies in etwa,
daß wir täglich rund ein Fünftel unseres Körpergewichts essen müßten.
Ein Mann mit einem Gewicht von 75 kg hätte demnach 15 kg Nahrung an nur
einem Tag zu verdauen - keine besonders angenehme Vorstellung!
Beim Stopfen erleiden die Gänse schwere Verletzungen der
Speiseröhre. Die Hälse mancher Gänse sind dermaßen stark verletzt, daß
sich Löcher bilden, durch die das Wasser, welches die Tiere trinken,
nach dem Schlucken herausläuft. Wird die Menge des Futterbreis zu hoch
dosiert, platzen den Tieren die Mägen. Unter starken Schmerzen verenden
die Vögel, geholfen wird ihnen nicht, denn das würde Geld kosten.
Durch das für die Tiere ungesunde, viel zu opulent portionierte Futter
verändern sich ihre Lebern innerhalb kürzester Zeit drastisch, die
Organe vergrößern sich auf unnatürliche Weise.
Solche Lebern von Stopfgänsen wiegen mit ihrem Gewicht
von über einem Kilogramm rund zehnmal soviel wie die Leber einer
gesunden, natürlich ernährten Gans. Stark vergrößerte Lebern benötigen
viel Platz in der Bauchhöhle. Auf den Menschen übertragen würde eine
zehnfach vergrößerte Leber etwa 20 kg wiegen und unter anderem aufgrund
des großen Verdrängungsvolumens zu heftigen Schmerzen führen. Bei den
Gänsen, die sensible Lebewesen mit einem Schmerzempfinden sind, dürfte
es sich genauso verhalten.
Damit ist die Leidensgeschichte der Mast- und Stopfgänse
jedoch noch nicht zu Ende erzählt. Ohne jegliche Betäubung reißt man den
Tieren die weichen Federn bei lebendigem Leibe aus, um daraus Daunen als
Füllmaterial beispielsweise für Kissen und Jacken zu gewinnen. Da das
Rupfen im Akkord erfolgt, gehen die Menschen entsprechend unvorsichtig
mit den Tieren um. Nicht selten werden den Vögeln zusammen mit den
Federn ganze Hautstücke ausgerissen.
Angesichts all dieser Qualen, die Mastgänse durchmachen
müssen, sollte man sich kritisch fragen, ob es auch in diesem Jahr
tatsächlich wieder eine Gans an Sankt Martin oder zu Weihnachten sein
muß. Noch besser wäre es natürlich für die Gänse, sich für ein
vegetarisches Martins- oder Weihnachts-Festmahl zu entscheiden. Ebenso
pfiffige wie schmackhafte Rezepte finden sich im Internet in großen
Mengen. Fotos rechts und unten © Gaby Schulemann
Quelle:
http://www.wildvogelhilfe.org/aktuell/gaense.html
Animal Spirit - Zentrum für Tiere in Not
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