
Gedanken zum Vegetarismus von Brigitte
Schwaiger
Geschrieben am 4. April 2007
Rinder, Schweine, Hühner, Hennen, Puten,
Enten, Gänse, Kaninchen, Schafe, Ziegen, Fische, Nerze, Füchse,
Chinchillas. Millionen. Zum Essen und zur Leder- und Pelzgewinnung.
Mäuse, Ratten, Kaninchen, Vögel, Amphibien, Schweine, Hamster, andere
Nagetiere, Hunde, Katzen, Schafe, Rinder und Affen für Versuche in
Forschungslaboratorien.
Jedes Jahr werden weltweit fünfzig
Milliarden Tiere lebend transportiert. Tausende Kilometer über Land und
Meer. Meist unter unvorstellbaren Strapazen für die Betroffenen. Auch
Frösche, Pferde. Die Leidenswege unvorstellbar. Liest man Näheres
darüber, verliert man über den grausigen Details den Lebensmut. Ich
verliere den Glauben an einen gütigen Gott, wenn ich die Informationen
lese, schiebe sie für Tage unter den Blätterhaufen auf dem Schreibtisch,
und wenn ich Ordnung mache, kommen sie wieder hervor. Überlegung, sie
wegzuwerfen, so wie die Tierschutzzeitung. Dann hole ich die
Tierschutzzeitung aus dem Papierkorb zurück, unterschreibe in den
Rubriken, die vorgezeichnet sind... Es kam mir dann der Gedanke, daß wir
nicht vom Tierschutz mehr sprechen sollten, sondern von der
Tierverteidigung. Man muß eintreten für sie, will man sich seines
Menschseins nicht schämen. Was machen wir mit unserer Intelligenz,
unserer Erkenntnisfähigkeit, Einfühlungsfähigkeit, Phantasie, Wortgabe,
wenn wir sie nicht verteidigen, wenn schon nicht weltweit, wie wäre dies
möglich, so doch wenigstens in unserem Land, in Österreich.
Es ist ja nicht so, daß uns das in dem
Moment nicht mehr berührt, in dem wir eine Information weglegen, sondern
das, was wir erfahren haben, arbeitet unbewußt in uns weiter, wird zu
einem Unbehagen mehr, zu dem diffusen Unbehagen gesellt es sich, und mir
war es eine Erleichterung, als eine Fleischhauerei bei uns im Grätzl
zusperrte. Seit einigen Jahren esse ich Fleisch nicht mehr, weil das
Hinterlassen von Geld in einer Fleischhauerei ein Auftrag zum
Transportieren und Schlachten ist. Natürlich kann man von Menschen nicht
verlangen, Vegetarier zu werden. Ich aß mein Leben lang Fleisch, bis vor
einigen Jahren die Idee kam, nicht mehr mitzutun.
Erschwerend und belästigend ist
eigentlich, daß man uns Vegetarier nicht widerspruchslos duldet. Wir
überreden niemanden, aufs Fleisch zu verzichten, aber man sagt uns:
„Fleisch muß man essen!“ „Rindfleisch ist wichtig, einmal in der Woche!“
Eigentlich toleriert man uns nicht immer. Man versucht eher uns zu
überreden, keine Vegetarier zu sein. Was mich wundert, diese – nun ja,
fast Aggression.
Ich erinnere mich an das erste Stück
Fleisch in der Kindheit. Es lag auf dem Teller. Ich wollte es nicht
essen. Es war da ein Gefühl, als sei das nichts, was mir schmecken
würde. Die Erwachsenen überboten einander an Behauptungen, wie gesund
das sei, wie wichtig und unbedingt notwendig. Sie schimpften. Ich aß es
nicht, und dann kam das berühmte: „Du solltest einmal einen Krieg
erleben!“
Als sie mir dann erklärten, das sei
Rindfleisch, und was ein Rind ist, sah ich im Geist eine große Kuh
mitten in der Küche stehen. Und noch weniger wollte ich ihr Fleisch.
Daß Milch, die ich gern trank, Butter,
Käse von der Kuh waren, wußte ich. Darum liebte ich Kühe ja. Ich sah
nicht ein, warum ich von ihr selbst essen sollte. Es gab Tränen, es
wurde wieder geschimpft. Schließlich gewöhnten sie mich ans
Fleischessen.
Vielleicht, dachte ich später, hat ein
Kind instinktiv eine Abneigung dagegen, direkt von einem Tier zu essen.
Schafe geben Wolle, Milch, Käse, Hühner geben Eier. Kinder wissen bald,
von wo was kommt. Dann das Huhn selbst auch noch essen? Natürlich, es
wurde schmackhaft als „Backhendl“ serviert. Ich aß auch Kalbsschnitzel,
paniert, wohlschmeckend, mit Begeisterung. Wenn ich dann hin und wieder
zufällig ein Kalb sah, verstand ich den Zusammenhang nicht. Wie kann ich
so etwas Liebes essen?
Unvergeßlich ist mir ein Sonntagsausflug
mit den Eltern und Schwestern. Papa sagt:
„Schaut`s, Kinder, es ist bald Ostern.
Der Bauer führt seine Kuh und das Kalb in die Stadt! Die müssen sterben
zu Ostern.“
Wir aßen zu Ostern Schinken mit Kren.
„Schwein“ ist noch dazu ein Schimpfwort. Seit Jahrtausenden essen wir
Schweine. Sie scheinen eigens für uns, damit wir sie essen, zur Welt zu
kommen. Was würde mit ihnen werden, wozu würden sie leben, wenn sie
nicht geschlachtet würden? Gäbe es eine Alternative? Würden sie nicht zu
lange leben?
Ich glaube, daß auch zuviel Wissen von
Tatsachen, die wir nicht aus der Welt schaffen, psychisch krank macht.
Wir erhalten Informationen täglich, stündlich, zum Beispiel aus dem
Radio, und wir meinen, daß es an uns abgleitet. Aber wir haben zugehört,
und es setzt sich fest, in irgendeinem Winkel der Seele. Wir wissen
bescheid, auch wenn wir uns bemühen, weder darüber nachzudenken noch
darüber zu sprechen. Ich weiß auch noch, wie ich als Kind zum ersten Mal
hörte, die Menschen seien in der Nazizeit in Viehwaggons in die KZs
transportiert worden, daß mich wunderte, daß es Viehwaggons gab. Wozu
denn Waggons für Tiere? Darüber dachte ich länger nach als über die
Menschentransporte in Viehwaggons. Wieso Viehwaggons. Mit was für einem
Recht verlegt ein Mensch den Aufenthaltsort eines Tiers woandershin.
Kann er das Tier nicht in Ruhe dort leben lassen, wo es lebt? „Macht
euch die Erde untertan!“ Sich die Tiere untertan machen, gefügig, könnte
das nicht einfach nur heißen, daß wir lernen sollen, zu Tieren zu
sprechen, sodaß sie auf uns hören? Ein Tier domestizieren. Aber nicht
als Eigentum und Gegenstand betrachten, über den man herfallen darf, als
wäre ein Tier ohne Seele, ohne Gefühl, ohne Verstand. Es hat doch jedes
Tier den ihm eigenen Verstand, es baut sich, wie ich vor kurzem las, ein
Murmeltier in seiner Höhle eine Toilette, und während des Winterschlafs
geht das Murmeltier einmal monatlich in seine unterirdische Toilette.
Ich besorgte mir Tierbücher, die für Kinder verfaßt sind, damit ich mich
nicht schwertue mit dem Studium. Und wird nicht gesagt, daß Tiere gut
sind für unsere Seele? Und wahrscheinlich besonders für seelisch kranke
Menschen. Dem würde es wohl weit besser bekommen, ein Schaf zu
streicheln als es zu essen.
Jesus Christus hat leider übers
Fleischessen nichts gesagt. Oder es wurde nicht überliefert. Er wird ja
in den drei Jahren, in denen er predigte, sehr viel mehr noch gesagt
haben als die Evangelisten festhalten konnten. Es steht ja auch nirgends
dabei, daß dies die vollkommene Botschaft sei. Es könnte ja sein, daß
manches unterschlagen wurde. Geschlachtet wurde er selbst dann, und es
soll damals siebzigtausend Kreuzigungen insgesamt gegeben haben.
Ich wagte es einmal, mit Herzklopfen und
Angst vor der offiziellen Kirche, ein weißes Kreuz auszuschneiden und
auf ein Foto zu montieren, das weiß leuchtende Kreuz der Nächstenliebe,
zu Rindern, denen die Schlachtung bevorstand. Ich fertigte in der
Kopieranstalt Plakate an und verteilte sie. Sie fanden Absatz, und eines
hängte ich neben meine Wohnungstür ins Vorhaus. Ab dann klopfte einer
der Zeitungsausträger (ein Inder oder sonst ein Asiate) jedesmal an,
wenn er mir die Zeitung brachte, anstatt sie auf die Türschwelle zu
legen, wie früher, und schaute mich jedesmal neugierig an. Die „Heilige
Kuh“, ja, warum ist sie denn nicht heilig, dachte ich im Gymnasium, als
einer der Lehrer wetterte, die Inder würden hungern, schlachteten aber
ihre Kühe nicht. Kühe geben Milch, sind ja heilig, dachte ich, wagte es
aber im österreichischen Unterricht nicht zu sagen. (Man fällt sonst bei
der nächsten Prüfung durch.)
In Restaurants brauche ich mir den Kopf
nicht mehr zu zerbrechen. Lese nur die kurze Liste von vegetarischen
Speisen, habe mich schnell entschieden, es ist bequem.
Und wir geben nicht Auftrag zum Töten,
und da wir einigen Medikamenten Heilung oder zumindest Symptomfreiheit
verdanken, sollten wir psychisch Behinderte und psychisch Kranke uns
eben doch ihnen allen erkenntlich zeigen. Den Versuchstieren. Und wenn
wir etwas für Tiere tun, geht es uns vielleicht noch besser. Psychisches
Leid erleben wir ja oft auch in dem Gefühl, besonders auch in der
Depression, daß „alles sinnlos“ ist. Sich zu den Tierverteidigern zu
gesellen per Unterschrift, Vereinsmitgliedschaft und Geldspende ist
gewiß sinnvoll.
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