
Macht
euch das Publikum "zu eigen" - auch wenn's nicht "eures" ist ...
von Elisa Ludwig
Im Wiener Rathaus fand Dienstag (18.11.08) abend eine
Diskussionsveranstaltung mit dem Schweizer Jean Ziegler
statt. Bis im Jahr 2008 war dieser Herr UN-Sonderberichterstatter
des Menschenrechts auf Nahrung und ist seit Längerem – sowie auch jetzt
noch – als Autor aktiv. (zB. „Die Schweiz wäscht weißer", „Das Imperium
der Schande"). Ebenso anwesend war auch der Botschafter Wolfgang
Petritsch, dessen
Engagement u. a. Ziegler's UN-Mandat rettete, als dieser (wahrscheinlich
aufgrund seiner teilweisen Radikalität) durch übelgesinnte Kollegen aus
den USA von seinem Platz verdrängt werden sollte.
Das Thema des dieses Zusammenkommens lautete „Das tägliche Massaker des
Hungers. Wo ist Hoffnung?" und Herr Ziegler verstand es außerordentlich,
mit Charme, gut gewählten Zitaten, eindrücklichen Zahlen und schlüssigen
Argumenten das interessierte Publikum für sich zu gewinnen.
Bemerkenswert war auch die ZuhörerInnenzahl von angeblich 2000 Menschen
(laut Moderator), die leider nicht alle im Festsaal des Rathauses
untergebracht werden konnten. Man saß drin bereits auf dem Boden und
drängte sich an den Stehplätzen zusammen.
Unter manch anderen Daten wurden auch folgende bekannt gegeben: laut
FAO-Bericht 2007 produziere die Weltlandwirtschaft jährlich so viele
Lebensmittel, dass sich 12 Milliarden Menschen problemlos (>2000
kcal/Tag) davon ernähren könnten. Nun stünden wir aber gegenwärtig der
Absurdität gegenüber, dass ein Gutteil dieser Produktion verbrannt,
verworfen oder aber in den Mägen so genannter Nutztiere landet (deren
täglicher Kalorienhaushalt übrigens den von 923 Millionen unterernährten
Menschen enorm übersteigt).
Es fielen während des Vortrags Schlüsselbezeichnungen wie
„moralischer Imperativ" und „planetarische Zivilgesellschaft",
wobei Ersterer sich u. a. darin äußere, dass Letztere zustande käme.
Dies manifestiere sich bspw. auch darin, dass große Gipfeltreffen der
reichen Regierungen kaum mehr auf „westlichem" Boden abzuhalten seien,
da so viele Demonstrierende einen unglaublichen logistischen Aufwand und
Polizeieinsatz erfordern würden.
In der anschließend stattfindenden „Diskussion", kam sage und schreibe
drei Mal das Thema Fleischkonsum vor (von ca. acht bis neun Meldungen)
und da ich selbst für eine Aussage verantwortlich war, möchte ich auch
hier (zwar dekontextualisiert und umformuliert, aber dennoch) kurz
anschneiden, wohin ich durch die Wortmeldung zu deuten versuchte (was
vielleicht manche von euch dazu motivieren könnte, es in anderen
Veranstaltungen gleich zu tun ... wo auch immer Öffentlichkeit
existiert, sollte sie genützt werden!):
<<Es geht doch vor allem auch darum, was wir so genannte Wohlstandsbevölkerung
aufgrund unseres Konsums für Zeichen setzen. Wenn die – von Ziegler
angesprochene – „planetarische Zivilgesellschaft" tatsächlich existiert,
dann reicht es nicht aus, sich einmal in zig Jahren als Demonstranten
verkleidet beim G8-Gipfel zu zeigen; es reicht nicht aus, hin und wieder
Diskussionsveranstaltungen zu besuchen, in der warmen Stube
kritische Gespräche mit den Freunden zu führen und allein gute Bücher zu
lesen; natürlich – diese Dinge sind unabdingbarer Bestandteil eines
Wandels, auch diese Aktivitäten sind innere Symbole für eine veränderte
Denkweise. Doch was darüber hinaus noch unglaublich wichtig ist, und
bisher kaum zum Vorschein trat, ist die WAHRHAFTE Erkenntnis, dass wir
das Alleinrecht auf Leben ebenso wenig gepachtet haben, wie das
(nicht-existierende) Recht auf Töten! Nur durch unser
tägliches Verhalten – das sich signifikant durch unseren Konsum
ausdrückt – können wir beweisen, dies wirklich verstanden zu haben.
Die Weltlandwirtschaft produziert jährlich also genug, um 12 Milliarden
Menschen zu ernähren – und anstatt damit die 40.000 täglich am Hunger
sterbenden Kinder zu retten, wird ein Großteil dieser Nahrung entweder
verbrannt, weggeschmissen oder in die Mägen von so genannten Nutztieren
gestopft. Meine Damen und Herren, ich spreche jede und jeden Einzelnen
von Ihnen persönlich an: Wo ist IHR moralischer Imperativ? Wie schaffen
Sie es, ihn tagein/tagaus zu unterdrücken, und dennoch auf diese
Diskussionsveranstaltung zu kommen? Was geschieht mit Ihrem
moralischen Imperativ, wenn Sie jeden Tag auf das Stück Fleisch auf
Ihrem Teller blicken und eine Geschichte sehen, die auf den ersten Blick
vielleicht wie die gewohnte, unschuldige Mahlzeit aussieht – sich jedoch
bei näherem Hinsehen sogleich als das entlarvt, was sie bedeutet:
nämlich den dauernden Doppelmord mitzuverantworten – einerseits an den
MILLIONEN von Menschen die pro Jahr aufgrund ihrer Unterernährung die
Lebenskraft verlieren und andererseits an den MILLIARDEN von wehrlosen
und ebenso leidensfähigen Geschöpfen, denen wir systematisch das Recht
auf Leben verweigern. Ist dieses Stück Fleisch TATSÄCHLICH nach Ihrem
Geschmack?
Und um noch mal darauf zu sprechen zu kommen, dass Herr Petritsch
ansprach, auf einem Bauernhof aufgewachsen zu sein – ja, auch ich hab
die ersten Jahre meines Lebens aufgrund meiner familiären Verhältnisse
in einer Pension mit Bauernhof gelebt. Viele von uns haben ähnliche
Geschichten. Und dennoch: kann dies Grund genug dafür sein, mich der
planetarischen Zivilgesellschaft zu verweigern? Reicht dieses Motiv aus,
um heute hier zu sein und trotzdem bewusst meinen moralischen Imperativ
zu ignorieren? Werde ich heute Nacht noch gut schlafen können, nachdem
ich weiß, was es für die Menschen und Tiere dieser Erde bedeutet, auf
die mörderische Gewohnheit des Fleischverzehrs zu beharren? Beweisen Sie
sich und dieser Welt, dass ein Leben auf dem Bauernhof nicht in der Lage
sein kann, den moralischen Imperativ ihrer Menschlichkeit zu
ersticken!>>
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